WCAG in zehn Minuten: Prinzipien, Stufen, Kriterien
4Prinzipien: wahrnehmbar, bedienbar, verständlich, robust [1]
WCAG 2.2 ordnet Barrierefreiheit in vier Prinzipien und 13 Richtlinien mit prüfbaren Kriterien auf drei Stufen. Gesetzlich relevant ist Stufe AA; sie steckt über die EN 301 549 in BaFG und BFSG.
Was die WCAG sind und wer sie macht
Die kurze Antwort: Die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) sind der internationale Maßstab für barrierefreie Webinhalte. Entwickelt werden sie von der Accessibility Guidelines Working Group des World Wide Web Consortium (W3C) im Rahmen der Web Accessibility Initiative [1]. Sie sind kein Gesetz. BaFG und BFSG verlangen aber über die harmonisierte Norm EN 301 549 im Ergebnis genau das, was die WCAG auf Stufe AA beschreiben [6]. Dieser Artikel ist eine Orientierung, keine Rechtsberatung.
Die Versionsgeschichte ist kurz: WCAG 2.0 erschien am 11. Dezember 2008, WCAG 2.1 am 5. Juni 2018, WCAG 2.2 am 5. Oktober 2023 mit einer Aktualisierung am 12. Dezember 2024 [1]. WCAG 2.2 ist zugleich als ISO/IEC 40500:2025 genormt, inhaltlich identisch mit der Fassung vom Oktober 2023 [1]. Wichtig für jede Planung: Die Versionen bauen aufeinander auf. Das W3C formuliert es so: „Content that meets WCAG 2.2 also meets WCAG 2.1 and WCAG 2.0“ [1]. Wer heute nach 2.2 baut, erfüllt also automatisch die ältere Fassung, auf die sich das Gesetz derzeit noch bezieht. Mehr dazu im Artikel zur EN 301 549.
Die Struktur ist in zehn Minuten erklärt: vier Prinzipien, darunter 13 Richtlinien, darunter prüfbare Erfolgskriterien auf drei Konformitätsstufen A, AA und AAA [1]. Prinzipien und Richtlinien sind nicht prüfbar, sie geben die Richtung vor. Geprüft wird immer gegen ein Erfolgskriterium, und jedes Kriterium hat eine Nummer, mit der Sie in jedem Prüfbericht arbeiten.
WCAG 2.2 in vier Zahlen
Die vier Prinzipien mit je einem Beispiel
Wahrnehmbar. Informationen und Bedienelemente müssen so dargestellt sein, dass Nutzerinnen und Nutzer sie wahrnehmen können, unabhängig davon, mit welchem Sinn [1]. Beispiele: ein Alternativtext für jedes informative Bild, Untertitel für Videos und ein Textkontrast von mindestens 4,5:1 [3][7].
Bedienbar. Alle Funktionen müssen sich bedienen lassen, auch ohne Maus und ohne Zeitdruck [1]. Beispiele: Die ganze Seite ist mit der Tastatur erreichbar, der Fokus ist sichtbar und wird nicht von Sticky-Elementen verdeckt, Klickziele messen mindestens 24 × 24 CSS-Pixel [2][7].
Verständlich. Inhalte und Bedienung müssen nachvollziehbar sein [1]. Beispiele: Die Sprache der Seite steht im Code, Fehlermeldungen benennen den Fehler in Textform und schlagen eine Korrektur vor, Hilfe steht auf jeder Seite an derselben Stelle (3.2.6) und niemand muss dieselben Daten zweimal eingeben (3.3.7) [2][7].
Robust. Inhalte müssen von verschiedenen Browsern und Hilfstechnologien zuverlässig interpretiert werden können [1]. Beispiel: sauberes HTML, und für jedes Bedienelement sind Name, Rolle und Wert im Code hinterlegt (4.1.2), damit ein Screenreader einen Button auch als Button ansagt [7].
Die Gesetze übernehmen diese vier Begriffe wörtlich. Anlage 1 des BaFG verlangt, dass Websites und mobile Anwendungen „auf kohärente und angemessene Weise wahrnehmbar, bedienbar, verständlich und robust gestaltet werden“ [4]; § 12 Nr. 3 der deutschen BFSGV formuliert fast gleichlautend „auf konsistente und angemessene Weise wahrnehmbar, bedienbar, verständlich und robust“ [5]. Wer die WCAG kennt, erkennt das Gesetz wieder. Umgekehrt bedeutet das: Eine Website, die ein Prinzip ganz verfehlt, etwa weil der Checkout nur mit der Maus funktioniert, ist nicht „ein bisschen“ unzugänglich, sondern verletzt den Kern dessen, was das Gesetz verlangt [4][5].
A, AA, AAA
| Kriterium | Stufe A | Stufe AA | Stufe AAA |
|---|---|---|---|
| Bedeutung | Grundzugang: Ohne diese Kriterien ist ein Inhalt für manche Gruppen gar nicht nutzbar [1] | Der übliche Zielwert und über die EN 301 549 die Stufe, die BaFG und BFSG für Websites meinen [6] | Erweiterte Anforderungen für einzelne Inhalte, freiwillig [1] |
| Beispiel Kontrast | kein Kontrastkriterium auf Stufe A [7] | 4,5:1 für Text, 3:1 für große Schrift ab 18 pt oder 14 pt fett (1.4.3) [3] | 7:1 für Text (1.4.6) [3] |
| Beispiel Fokus | Tastaturbedienbarkeit als Grundlage (2.1.1) [7] | Fokus sichtbar (2.4.7) und nicht von Sticky-Elementen verdeckt (2.4.11) [2][7] | Fokus gar nicht verdeckt (2.4.12) und mit festgelegter Fokus-Erscheinung (2.4.13) [2] |
| Beispiel Eingaben | Keine doppelte Eingabe derselben Daten im selben Vorgang (3.3.7) [2] | Login ohne Merk- oder Rätselaufgabe, etwa mit Passwort-Manager oder Link (3.3.8) [2] | Login ohne jede kognitive Prüfung, auch ohne Objekterkennung (3.3.9) [2] |
| Wer verlangt es | Teil jeder AA-Konformität [1] | EN 301 549 für Web, Dokumente und Software; darüber BaFG und BFSG [6] | niemand verpflichtend; einzelne Kriterien als Qualitätsziel sinnvoll |
Die Nummern in Klammern sind Erfolgskriterien der WCAG 2.2, die Zahlen in eckigen Klammern verweisen auf die Quellenliste am Ende des Artikels.
Was 2.2 neu bringt
Neun Kriterien kamen mit WCAG 2.2 dazu, eines ging [2]. Die Liste lohnt sich, weil sie fast nur Dinge betrifft, die auf heutigen Websites tatsächlich schiefgehen.
Bedienbar: 2.4.11 Focus Not Obscured (Minimum, AA): Das fokussierte Element darf nicht vollständig hinter Cookie-Bannern oder Sticky-Headern verschwinden. 2.4.12 Focus Not Obscured (Enhanced, AAA) verschärft auf „gar nicht verdeckt“, 2.4.13 Focus Appearance (AAA) legt fest, wie deutlich der Fokusrahmen sein muss. 2.5.7 Dragging Movements (AA): Alles, was per Ziehen geht, muss auch ohne Ziehen gehen. 2.5.8 Target Size (Minimum, AA): Klick- und Tippziele messen mindestens 24 × 24 CSS-Pixel, mit Ausnahmen etwa für Links im Fließtext oder ausreichend Abstand zwischen Zielen [2][7].
Verständlich: 3.2.6 Consistent Help (A): Hilfe-Links, Kontakt oder Chat stehen auf jeder Seite an derselben Stelle. 3.3.7 Redundant Entry (A): Was der Nutzer in einem Vorgang schon eingegeben hat, wird nicht noch einmal verlangt. 3.3.8 Accessible Authentication (Minimum, AA) und 3.3.9 Accessible Authentication (Enhanced, AAA): Anmelden ohne Merk- oder Rätselaufgaben, also kein Abtippen verzerrter Zeichen und kein blockiertes Einfügen aus dem Passwort-Manager [2][7].
Gestrichen wurde 4.1.1 Parsing. Das Kriterium zu fehlerfreiem Markup gilt als überholt, weil Browser mit Syntaxfehlern umgehen können und Hilfstechnik das Markup nicht mehr selbst auswertet, sondern sich auf den Browser stützt [2][8]. Das entbindet nicht von sauberem HTML; nur die Prüfung läuft jetzt über andere Kriterien wie 1.3.1 und 4.1.2 [8]. Alle übrigen Kriterien aus 2.0 und 2.1 sind in 2.2 im Wesentlichen unverändert [2].
Und das Gesetz? Die harmonisierte Norm EN 301 549 liegt seit September 2026 in der Fassung V4.1.1 vor, die auf WCAG 2.2 aufbaut, ist in dieser Fassung aber noch nicht im Amtsblatt der EU zitiert. Bis dahin bleibt rechtlich V3.2.1 mit WCAG 2.1 AA die Referenz [6]. Da 2.2 die 2.1 vollständig enthält, gibt es keinen Grund, ein neues Projekt noch auf die alte Version zu bauen [1]. Die neuen Kriterien sind im Neubau fast kostenlos; nachträglich sind sie, vor allem bei Zielgrößen und Fokus, ein eigenes Projekt.
Content that meets WCAG 2.2 also meets WCAG 2.1 and WCAG 2.0.
ÜbersetzungInhalte, die WCAG 2.2 erfüllen, erfüllen auch WCAG 2.1 und WCAG 2.0.
So lesen Sie ein Kriterium
Nummer und Stufe
Jedes Kriterium hat eine dreiteilige Nummer wie 1.4.3 und eine Stufe. Die erste Ziffer ist das Prinzip (1 wahrnehmbar, 2 bedienbar, 3 verständlich, 4 robust), die zweite die Richtlinie, die dritte das Kriterium [1][7].
Normativer Text
Der Satz im Standard ist der einzige verbindliche Teil. Er ist knapp formuliert, bei 1.4.3 etwa: Kontrastverhältnis mindestens 4,5:1, für große Schrift 3:1 [3].
„Understanding“-Dokument
Zu jedem Kriterium gibt es eine Erläuterung mit Absicht, Nutzen, Beispielen und Definitionen, etwa was als große Schrift gilt: ab 18 Punkt oder 14 Punkt fett [3].
Techniken und Failures
Das W3C listet zu jedem Kriterium ausreichende Techniken, die es erfüllen, und typische Fehler, die es verletzen. Für Entwicklerinnen und Entwickler ist das die praktische Anleitung [3].
Selbst prüfen
Zum Schluss der Test: mit der Tastatur allein durch die Seite, mit einem Screenreader durch die wichtigsten Abläufe, mit einem Kontrastmesser über Text und Bedienelemente. Wie ein vollständiger Prüfablauf aussieht, steht im Artikel zur Prüfung und zum Audit.
Fragen zu den WCAG
Welche WCAG-Stufe verlangt das Gesetz?
Stufe AA. BaFG und BFSG verweisen für den Nachweis auf die harmonisierte Norm EN 301 549, und deren Webkapitel übernimmt die WCAG-Erfolgskriterien der Stufen A und AA. Die derzeit im Amtsblatt zitierte Fassung V3.2.1 beruht auf WCAG 2.1 AA; die neue V4.1.1 mit WCAG 2.2 wartet noch auf die Zitierung. AAA verlangt niemand verpflichtend. Orientierung, keine Rechtsberatung.
WCAG 2.1 oder 2.2: Was soll ich umsetzen?
WCAG 2.2. Inhalte, die WCAG 2.2 erfüllen, erfüllen laut W3C auch 2.1 und 2.0, Sie sind also auf beiden Seiten sicher. Die neun neuen Kriterien, etwa Zielgröße 24 × 24 CSS-Pixel, nicht verdeckter Fokus und Login ohne Rätsel, kosten im Neubau fast nichts; die sechs davon auf den Stufen A und AA sind in der EN 301 549 V4.1.1 bereits enthalten. Rechtlich zitiert ist derzeit noch WCAG 2.1 AA über die Normfassung V3.2.1. Orientierung, keine Rechtsberatung.
Gibt es eine deutsche Fassung der WCAG?
Das W3C führt eine eigene Seite mit autorisierten und inoffiziellen Übersetzungen der WCAG 2. Verbindlich ist das englische Original; Prüfberichte arbeiten deshalb mit den Nummern der Erfolgskriterien, die in jeder Sprache gleich sind. Zum Verstehen ist eine Übersetzung hilfreich, zum Nachweis zitieren Sie Nummer und Stufe.
Was ist der Unterschied zwischen WCAG und EN 301 549?
Die WCAG sind die Richtlinien des W3C für Webinhalte; die EN 301 549 ist die europäische Norm, die diese Richtlinien für Websites, Dokumente und Software übernimmt und um Anforderungen an Hardware, Echtzeitkommunikation und Support ergänzt. Gesetzlich verwiesen wird auf die Norm, weil nur harmonisierte Normen eine Konformitätsvermutung auslösen. Für die tägliche Arbeit an einer Website prüfen Sie gegen WCAG 2.2 AA und decken damit das Webkapitel der Norm ab. Orientierung, keine Rechtsberatung.
Wann kommt WCAG 3?
Es gibt noch keinen Termin. WCAG 3, früher unter dem Arbeitstitel „Silver“, ist laut W3C ein früher Entwurf und noch keine Recommendation. Für Projekte heute ist WCAG 2.2 der Maßstab, und das wird nach unserer Einschätzung noch einige Jahre so bleiben, weil auch Gesetze und Normen erst auf 2.2 nachziehen.
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Quellen
- W3C WAI, WCAG 2 Overview: Versionen, Daten, Struktur, ISO-Status · abgerufen am 28.10.2026
- W3C WAI, What's New in WCAG 2.2 · abgerufen am 28.10.2026
- W3C WAI, Understanding Success Criterion 1.4.3 Contrast (Minimum) · abgerufen am 28.10.2026
- RIS, Barrierefreiheitsgesetz (BaFG), BGBl. I Nr. 76/2023, Anlage 1 Abschnitt 3 · abgerufen am 28.10.2026
- gesetze-im-internet, BFSGV § 12 Allgemeine Anforderungen an Dienstleistungen · abgerufen am 28.10.2026
- AccessibleEU (Europäische Kommission), The European accessibility standard EN 301 549 has been updated · abgerufen am 28.10.2026
- W3C, Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2.2, W3C Recommendation · abgerufen am 28.10.2026
- W3C WAI, WCAG 2 FAQ, Abschnitt „How and why is WCAG 2 Success Criteria 4.1.1 Parsing obsolete?“ · abgerufen am 28.10.2026
Recherchiert mit KI-Unterstützung, mit Quellen belegt und inhaltlich geprüft von Mike Joerihsen am .
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