Formulare und Cookie-Banner barrierefrei gestalten
51 %der Startseiten haben Formularfelder ohne Beschriftung (WebAIM Million, Februar 2026) [1]
Formulare scheitern an fehlenden Labels, unklaren Fehlermeldungen und Dialogen, die den Fokus fangen. WCAG 2.2 verlangt Beschriftung, Fehlertext, keine Doppeleingabe und Login ohne Rätsel.
Warum Formulare der Prüfstein sind
Die kurze Antwort: Formulare sind der Ort, an dem aus einer Website ein Vertrag wird, und genau dort setzt das Gesetz an. Das BaFG definiert „Dienstleistungen im elektronischen Geschäftsverkehr“ als Ferndienstleistungen, die elektronisch und auf individuelle Anfrage eines Verbrauchers „im Hinblick auf den Abschluss eines Verbrauchervertrags“ über Websites oder mobile Dienste erbracht werden (§ 3 Z 27) [3]. Anlage 1 verlangt dafür, dass Identifizierungs-, Sicherheits- und Zahlungsfunktionen wahrnehmbar, bedienbar, verständlich und robust gestaltet sind [7]. In Deutschland steht dasselbe in § 19 BFSGV, ergänzt um die Authentifizierung [4]. Buchungsmaske, Warenkorb, Login, Bezahlseite: Das sind alles Formulare. Dieser Artikel ist eine Orientierung, keine Rechtsberatung.
Gleichzeitig sind Formulare der Ort, an dem am meisten schiefgeht. Die WebAIM Million zählte im Februar 2026 auf den Startseiten der eine Million meistbesuchten Websites durchschnittlich 6,9 Formularfelder, 36 % mehr als drei Jahre zuvor; ein Drittel davon, 33,1 %, war nicht korrekt beschriftet, weder über ein Label noch über aria-label, aria-labelledby oder title [1]. Auf 51 % aller Startseiten fehlte mindestens eine Beschriftung, ein Anstieg gegenüber 48,2 % im Jahr davor [1]. Und das sind nur Startseiten mit Suche und Newsletter-Feld; die eigentlichen Bestell- und Buchungsstrecken hat die Studie nicht gemessen.
Für Agenturen heißt das: Wer ein Formular abnimmt, prüft nicht nur, ob es Daten sendet, sondern ob ein Mensch ohne Maus und ohne Bildschirm es ausfüllen, Fehler verstehen und korrigieren kann. Die zwölf Punkte unten decken das ab, was WCAG 2.2 auf den Stufen A und AA für Formulare verlangt; die beiden neuen Kriterien 3.3.7 Redundante Eingabe und 3.3.8 Barrierefreie Authentifizierung kamen mit Version 2.2 dazu [2]. Wer betroffen ist, steht im Artikel Wer ist betroffen?, die Besonderheiten der Kaufstrecke im Artikel zu Onlineshops.
Formulare in Zahlen
Formular in zwölf Punkten
0 von 12 erledigt
Cookie-Banner und Dialoge
Der Cookie-Banner ist das erste Formular, das jede Besucherin sieht, und für viele die erste Barriere. Ein Dialog, der den Rest der Seite überlagert, muss vier Dinge tun: den Fokus beim Öffnen erhalten, ihn im Dialog halten, sich mit Escape schließen lassen und den Fokus danach an die Stelle zurückgeben, von der er kam. Was dahinterliegt, ist für Tastatur und Screenreader inert, also nicht erreichbar, bis der Dialog geschlossen ist. Diese Regeln folgen aus 2.1.2 Keine Tastaturfalle und 2.4.3 Fokus-Reihenfolge [6]; das native dialog-Element mit showModal() erledigt den größten Teil davon von selbst.
WCAG 2.2 schärft nach: Nach 2.4.11 darf ein Element, das Tastaturfokus erhält, nicht vollständig von Inhalten verdeckt sein, die der Autor eingeblendet hat, zum Beispiel von einem Banner, das am unteren Rand klebt [2]. Wer mit Tab durch die Seite geht, während der Cookie-Hinweis offen ist, und den Fokus hinter dem Banner verliert, hat genau diesen Fehler vor sich. Dazu kommt die Zielgröße von 24 × 24 CSS-Pixeln für die Buttons (2.5.8), auch für das kleine X zum Schließen [2].
Der Test von Aktion Mensch zu den meistbesuchten deutschen Online-Shops im Juni 2025 nennt eingeblendete Banner und Cookie-Overlays, die den Hauptinhalt verdecken und sich nicht ohne Weiteres schließen lassen, ausdrücklich als Hürde; nur 20 von 65 Shops waren überhaupt allein per Tastatur bedienbar, und die meisten boten keinen sichtbaren Tastaturfokus [5]. Für den Banner selbst gelten dieselben Formularregeln wie oben: Alle Buttons haben einen Namen, „Ablehnen“ ist genauso erreichbar und genauso groß wie „Akzeptieren“, Kontraste stimmen, und nichts ist nur über Farbe unterscheidbar. Welche Einwilligungen ein Banner einholen muss und wie die Buttons rechtlich zu gestalten sind, ist eine Datenschutzfrage; dazu gilt wie überall auf dieser Seite: Orientierung, keine Rechtsberatung.
Dieselben Regeln gelten für jedes andere Overlay: Newsletter-Popup, Sprachauswahl, Produktzoom, Login-Fenster. Die Gegenüberstellung unten zeigt an vier typischen Stellen, woran Formulare in Prüfungen scheitern und wie die bestandene Variante aussieht.
Fehlermeldung schlecht und gut
| Kriterium | Fällt durch | Besteht |
|---|---|---|
| Fehler am Feld | Nur eine rote Umrandung; Screenreader-Nutzende erfahren nichts, Farbenblinde sehen nichts (3.3.1, 1.4.1) [6] | Text „Bitte E-Mail-Adresse prüfen, es fehlt das @“ direkt unter dem Feld, per aria-describedby verknüpft, Fokus springt zum ersten Fehler |
| Fehlerübersicht | Fehler oben gesammelt ohne Bezug: „3 Felder sind fehlerhaft“ | Liste oben mit Sprunglinks zu jedem betroffenen Feld, Überschrift erhält den Fokus |
| Login und Spam-Schutz | Bilderrätsel als einziger Weg, Einfügen des Passworts per Skript blockiert (3.3.8) [2] | Passwort-Manager erlaubt, Einfügen möglich, Alternative per E-Mail-Link; Spam-Schutz über unsichtbares Feld und Zeitprüfung statt Rätsel |
| Beschriftung | Platzhalter als einzige Beschriftung; verschwindet beim Tippen, meist zu hell (3.3.2, 1.4.3) [6] | Sichtbares Label bleibt stehen, Platzhalter nur als Beispiel „z. B. 6900“ |
Die Nummern in Klammern bezeichnen die Erfolgskriterien der WCAG 2.2; die Zahlen in eckigen Klammern verweisen auf die Quellenliste am Ende des Artikels.
Don’t make people solve, recall, or transcribe something to log in.
ÜbersetzungZwingen Sie niemanden, zum Anmelden etwas zu lösen, sich zu erinnern oder abzutippen.
Reihenfolge im Projekt
Formularinventar · ½ Tag
Alle Formulare und Dialoge der Website auflisten: Kontakt, Newsletter, Suche, Buchung, Warenkorb, Konto, Login, Cookie-Banner, Popups. Für jedes festhalten, ob es selbst gebaut, vom Baukasten oder von einem Drittanbieter eingebettet ist; für eingebettete Strecken bleibt der Betreiber verantwortlich.
Labels und Fehler · 1–2 Tage
Jedes Feld bekommt ein sichtbares Label und ein autocomplete-Attribut, jede Validierung eine Textmeldung am Feld mit Korrekturhinweis [6]. Meist sind es wenige Vorlagen, die sich wiederholen.
Dialoge · 1 Tag
Cookie-Banner und Popups auf natives dialog umstellen oder Fokusfalle, Escape und Fokusrückgabe nachrüsten; Hintergrund inert; Buttons benannt und 24 × 24 Pixel groß [2].
Tastaturtest · 2 Stunden
Maus weglegen und die wichtigste Strecke von der Startseite bis zur Bestätigung nur mit Tab, Enter, Leertaste und Pfeiltasten durchlaufen. Jede Stelle, an der der Fokus verschwindet oder hängt, ist ein Fehler [6].
Screenreader-Test · 2 Stunden
Dieselbe Strecke mit einem Screenreader: Wird jedes Feld mit Namen angesagt, jeder Fehler vorgelesen, die Bestätigung gemeldet? Wenn möglich mit einer Person, die täglich so arbeitet.
Abnahme · ½ Tag
Die Zwölf-Punkte-Liste je Formular abhaken und als Protokoll zum Projekt legen. Was offen bleibt, gehört in die Information über die Konformität. Ergänzend die allgemeine Checkliste barrierefreie Website.
Fragen zu Formularen und Dialogen
Reicht ein Platzhalter als Beschriftung?
Nein. Ein Platzhalter verschwindet, sobald man tippt, ist meist zu hell für 4,5:1 und wird von Hilfstechnik nicht einheitlich als Name des Feldes übernommen. WCAG verlangt Beschriftungen oder Anweisungen, wenn Eingaben erwartet werden (3.3.2), und eine im Code verknüpfte Beziehung zwischen Label und Feld (1.3.1). Die sichere Lösung ist ein sichtbares Label, das stehen bleibt; der Platzhalter darf zusätzlich ein Beispiel zeigen.
Sind Captchas erlaubt?
Nur mit Alternative oder Hilfe. Nach 3.3.8 der WCAG 2.2 (Stufe AA) darf kein Schritt der Anmeldung einen kognitiven Funktionstest wie ein Rätsel, eine Merkaufgabe oder Abtippen verlangen, außer es gibt einen anderen Weg ohne Test, einen Mechanismus wie Passwort-Manager und Einfügen, oder der Test besteht im Erkennen von Objekten oder eigenen Inhalten. Bilderrätsel gelten damit auf AA als Objekterkennung, fallen auf AAA (3.3.9) aber durch. Besser sind unsichtbare Felder, Zeitprüfung oder ein Bestätigungslink per E-Mail; Seiten mit Bilderrätsel-Diensten hatten in der WebAIM Million 2026 im Schnitt 7,7 Fehler mehr. Orientierung, keine Rechtsberatung.
Muss der Cookie-Banner barrierefrei sein?
Ja, er ist Teil der Website und meist das erste Element, das Besucherinnen bedienen müssen. Er muss den Fokus erhalten und halten, mit Escape schließbar sein, den Fokus zurückgeben, benannte und ausreichend große Buttons haben und darf den Fokus auf der Seite dahinter nicht verdecken (2.4.11). Der Test von Aktion Mensch im Juni 2025 nennt Banner, die den Inhalt verdecken und sich nicht schließen lassen, ausdrücklich als Hürde. Welche Einwilligungen der Banner einholen muss, ist eine Datenschutzfrage: Orientierung, keine Rechtsberatung.
Wie müssen Fehlermeldungen aussehen?
Als Text, am Feld, mit Korrekturhinweis. WCAG verlangt, dass ein Fehler erkannt und in Textform beschrieben wird (3.3.1) und dass Vorschläge zur Korrektur gemacht werden, wenn sie bekannt sind (3.3.3). Eine rote Umrandung allein genügt nicht, weil sie nur über Farbe informiert. Technisch heißt das: Meldung per aria-describedby mit dem Feld verknüpft, Fokus auf den ersten Fehler oder auf eine Übersicht mit Sprunglinks, und die Meldung bleibt stehen, bis der Fehler behoben ist.
Was bedeutet „keine Doppeleingabe“?
Dass niemand im selben Vorgang dasselbe zweimal eintippen muss. Erfolgskriterium 3.3.7 Redundante Eingabe (Stufe A, neu in WCAG 2.2) verlangt, dass zuvor eingegebene Informationen automatisch ausgefüllt oder zur Auswahl angeboten werden, etwa die Lieferadresse als Rechnungsadresse per Häkchen oder die E-Mail-Adresse aus Schritt eins in Schritt drei. Ausgenommen sind Fälle, in denen die Wiederholung wesentlich ist, der Sicherheit dient, etwa die Passwortbestätigung, oder die frühere Angabe nicht mehr gilt.
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Weiterlesen
- European Accessibility Act: die EU-Richtlinie 2019/882Der European Accessibility Act (RL 2019/882) verpflichtet alle EU-Staaten seit 28. Juni 2025 zu einheitlichen Barrierefreiheitsanforderungen für Produkte und Dienstleistungen. BaFG und BFSG setzen ihn um.
- Leitfaden für Agenturen: Kunden beraten, white-label prüfenAgenturen haften nicht nach BaFG oder BFSG, ihre Kunden schon. Wer das Thema früh anspricht, sauber vertraglich regelt und die Umsetzung white-label einkauft, verkauft Sicherheit statt Stunden.
- Barrierefreie Website in Liechtenstein: BGlG und EAAStand 30. Oktober 2026 ist der European Accessibility Act in Liechtenstein nicht umgesetzt. Öffentliche Stellen müssen ihre Websites nach dem BGlG barrierefrei machen, für Private gilt das Diskriminierungsverbot.
Quellen
- WebAIM, The WebAIM Million 2026: An annual accessibility analysis of the top 1,000,000 home pages (Februar 2026) · abgerufen am 28.10.2026
- W3C WAI, What's New in WCAG 2.2 (2.4.11, 2.5.8, 3.3.7, 3.3.8, 3.3.9) · abgerufen am 28.10.2026
- RIS, Barrierefreiheitsgesetz (BaFG), BGBl. I Nr. 76/2023, geltende Fassung, insbesondere § 3 Z 27 · abgerufen am 28.10.2026
- gesetze-im-internet, BFSGV § 19 Zusätzliche Anforderungen an Dienstleistungen im elektronischen Geschäftsverkehr · abgerufen am 28.10.2026
- Aktion Mensch, Online-Shops im Test: Wie barrierefrei sind deutsche Angebote? (Testbericht Juni 2025) · abgerufen am 28.10.2026
- W3C, Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2.2, W3C Recommendation (Nummern, Titel und Stufen der Erfolgskriterien) · abgerufen am 28.10.2026
- RIS, Barrierefreiheitsgesetz (BaFG), Anlage 1, 4. Abschnitt lit. g (Dienstleistungen im elektronischen Geschäftsverkehr) · abgerufen am 28.10.2026
Recherchiert mit KI-Unterstützung, mit Quellen belegt und inhaltlich geprüft von Mike Joerihsen am .
Diese Inhalte sind eine Orientierung und keine Rechtsberatung. Bei konkreten Fragen zu Ihrer Situation wenden Sie sich an eine Rechtsberatung oder die zuständige Behörde.